Risse – Licht – und das Wesen von Veränderung

There is a crack in everything – That´s how the light gets in.
Da ist ein Riss in jedem Ding – So fällt das Licht herein.
Leonard Cohen, Anthem

Mitten in der Pandemie wird deutlich, welche Eigenschaften uns „retten“ könnten, wenn „die Gefahr wächst“ („Wo aber die Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ schrieb Friedrich Hölderlin, 1770-1843) Welche Eigenschaften sind das? Vertrauen, Zuversicht, Geduld, Empathie, Orientierung, Durchhaltevermögen. Eigenschaften, die für Teams, Führungskräfte ja ganze Branchen sicher wertvoll sind. Dennoch wurde in diesem Jahr auch deutlich: es braucht alle diese Eigenschaften zusammen, eine alleine reicht nicht. Und es wurden Risse sichtbarer, die diese Gesellschaft bis hinein in Organisationen, Teams, Führungsfelder durchziehen. Diese Bruchlinien markieren Gefälle, Auseinandertriftendes. „Manche fühlen sich gesellschaftlich abgehängt“, wie es Olaf Scholz dieser Tage formulierte.

Solche Risse markieren auch Ungleichheiten. Ob jemand im Jahr 2020 angestellt oder selbstständig arbeitet, in der Pflege- oder Hotelbranche oder als IT, das macht einen Unterschied. Es wurde – auch gesellschaftlich und sozial – Einiges sichtbarer über das zuvor noch hinweggesehen werden konnte. Ob Menschen sich nicht mehr vor die Tür trauen aus Gesundheitsgründen, ob Alleinstehende oder allein Erziehende Freunde nicht mehr treffen können, das macht einen Unterschied und sickert ein in die Systeme. Neulich meinten Team-Mitarbeiter in einer Supervision sie seien „irgendwie müde“. Alle diese Vorsichtsmaßnahmen, alle die neuen oder wieder neu zu beachtenden Regeln, die verwaschen wirkende Sprache hinter den Masken, aber auch ganz reale (Zukunfts-)Ängste erfordern mehr Vertrauen im Ungewissen, mehr Empathie und Nachsicht gegenüber Schrullen und Paradoxien, einfach ein Mehr.

Und diese Zusatzanforderungen setzen sich besonders für die, die noch „draußen“ unterwegs sind, auf den Alltag drauf. Was auch deutlich macht, wie wenig da oft noch drauf geht und wie sehr „am Limit“ viele „ganz normale Frauen und Männer“ leben und arbeiten.
Parallel dazu steigt aber die eigene Bedürftigkeit. Manchmal auch das diffuse Gefühl, „die Pandemie rückt näher“. Und dann: woher die Leute nehmen, um z.B. eine Krankenhausstation aufrecht oder eine KITA am Laufen zu halten? Schulklassen nicht zu schließen und Läden nicht dicht machen zu müssen?

Das Paradox ist auch, die die noch „draußen“ unterwegs sind, können sich längere Auszeiten oft schlicht nicht leisten und wer im Homeoffice Kinder betreut sehnt den Schulanfang herbei wie früher die Ferien.

Und was ist mit denen, die im aktuellen November-Shutdown auf Baustellen arbeiten und sich in den Pausen nicht einmal beim Kaffeetrinken aufwärmen können? Die Herausforderung in diesen vom Versicherungswahn getriebenen Zeiten ist: wir müssen – wieder – lernen mit der Ungewissheit zu leben. Das müssen wir eigentlich immer. Schon Erich Kästner schrieb wunderbar alltagsphilosophisch: „seien wir ehrlich, Leben ist immer lebensgefährlich“.

Durch die Risse scheint auch der Schatten durchzuscheinen. Scheint Schatten? Der Theatermann, Milo Rau, sagt: “In der Krise werden die Menschen noch viel konservativer und ängstlicher als sie es sonst schon sind. Dabei eröffnen sich auch Möglichkeiten…“

Es gibt nur eine relative Sicherheit, Systeme sind verletzbarer als gedacht und vor Allem gefühlt. Es scheint mir wichtig, dass Menschen – gerade auch in diesem Jahr – ehrlich reden dürfen, ohne dass immer schon und immer schnell auch „Schatten-Gefühle“ wie Trauer, Schmerz über Ungerechtigkeiten, Erschöpfung im „wir haben alles im Griff Modus“ zugedeckt wird.

Was ist das Licht, das durchscheint? Durchhaltevermögen, Vertrauen, Zuversicht? Milo Rau sagt: „ich gerate in Situationen und reagiere darauf“. Das klingt sehr pragmatisch und vor Allem entdramatisierend.

Manche Risse in diesen Tagen wirkten auch befreiend. Systeme, die wie schwere Dunstglocken aus Fakenews, Populismus und Demokratieverweigerung über ganzen Staaten und deren erschrockenen Beobachtern zu hängen schienen, wurden brüchig und ließen wieder auf mehr Offenheit, Ehrlichkeit und auch Mut zu Veränderung hoffen.

In diesen Zeiten scheint der Mut zu mehr Veränderung synonym mit dem Mut zu mehr Gerechtigkeit. Im Mangel an Gerechtigkeit sieht der Konfliktforscher Glasl die „Mutter aller Konflikte“. Gerechtigkeit scheint eine gute Hefe zu sein, um endlich einmal neue Brote zu backen.

Zwischen Führungskräften und Teams, zwischen Kollegen und in Organisationen gibt es manchmal haarfeine Risse, die kaum merklich die Systeme destabilisieren. Sie wachsen sich manchmal zu Gräben aus. Dann nämlich, wenn die Risse mit Pseudolösungen und Ignoranz mit Augenwischerei und Tagträumen bis hin zu Wahrnehmungsverschiebungen zugekittet wurden. Risse entstehen auch ganz banal, zum Beispiel wenn berechtigte Kritik zu lange verschwiegen und zu oft ignoriert wurde. Manchmal gibt es aber auch genau an solchen Rissen und Bruchstellen neue Perspektiven und Ideen, positiver Wandel und Freude an guter Arbeit. Gut ist, die Risse mit Brücken zu versehen statt sie zuzukleistern. Dazu braucht es den guten Willen aller Beteiligten: Sinn für Gerechtigkeit im Verteilen von Verantwortung und dem Aushalten bzw. Umsetzen der Konsequenzen, authentisches Feedback und weniger persönliche Kränkung (bzw. Kränkbarkeit) und den Mut Verletzungen anzuschauen plus die Phantasie sie zu heilen. Gesellschaftlich, politisch, global ist es in Bezug zu dieser Pandemie wahrscheinlich nicht mit einem „weiter so“ getan.

Nach der Krise ist vor der Krise: There is a crack in everything, that´s how the light gets in.

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